Dr. Johanna Dahm: Warum Aufh?ren eine der wichtigsten Entscheidungen unseres Lebens ist
An einer Karriere festhalten, obwohl sie nicht mehr zum eigenen Leben passt? Ein Projekt weiterf?hren, weil bereits so viel Geld hineingeflossen ist? F?r Entscheidungsexpertin und Bestseller-Autorin Dr. Johanna Dahm beginnt Ver?nderung mit einer unbequemen Frage: Was darf enden? Anl?sslich der angek?ndigten englischsprachigen Ver?ffentlichung ihres Buches ?Aufh?ren: Die schwerste Entscheidung ?berhaupt? am 18. November 2026 sprechen wir ?ber die Psychologie des Festhaltens, ihren eigenen Abschied von der Konzernkarriere und den Mut, Raum f?r Neues zu schaffen.
Dr. Johanna Dahm kennt die Anforderungen internationaler Unternehmen aus eigener Erfahrung. Ihre berufliche Laufbahn f?hrte sie zu Accenture und Novartis, bevor sie 2015 ihre eigene Beratung gr?ndete. Heute begleitet die promovierte Wirtschaftsphilosophin Unternehmen, Institutionen und F?hrungskr?fte bei Entscheidungen und Ver?nderungen. Ihr Thema ber?hrt dabei l?ngst mehr als die Arbeitswelt: Wann lohnt sich Durchhalten ? und wann wird es zur Sackgasse?
Mit ihrem Buch ?Aufh?ren: Die schwerste Entscheidung ?berhaupt?, das laut Ver?ffentlichungsank?ndigung in drei Kategorien die Bestsellerlisten anf?hrte, stellt Dahm ein verbreitetes Erfolgsverst?ndnis infrage. Die englische Ausgabe soll ihre Gedanken nun international zug?nglich machen. Zum Start ist eine f?nft?gige Gratis-Aktion f?r das E-Book angek?ndigt; die anschlie?enden Einnahmen sollen vollst?ndig an The Ocean Cleanup gehen.
1. Frau Dr. Dahm, Durchhalteverm?gen gilt als Tugend. Sie besch?ftigen sich ausgerechnet mit dem Aufh?ren. Was ?bersehen wir, wenn wir Erfolg vor allem daran messen, wie lange jemand durchh?lt?
Dr. Johanna Dahm: Wir ?bersehen, ob das Ziel ?berhaupt noch sinnvoll ist. Durchhalteverm?gen ist wertvoll, wenn wir etwas verfolgen, das uns wichtig ist und f?r das es eine realistische Perspektive gibt. Aber Ausdauer allein macht eine Entscheidung noch nicht richtig. Man kann sehr diszipliniert an etwas festhalten, das l?ngst nicht mehr zur eigenen Situation passt.
Das Schwierige ist: F?r das Weitermachen bekommen wir h?ufig Anerkennung. Wer viel arbeitet, Verantwortung ?bernimmt und selbst unter schwierigen Bedingungen nicht aufgibt, gilt als stark. Wer dagegen sagt, dass ein Weg zu Ende ist, muss sich oft erkl?ren. Dadurch entsteht ein gesellschaftlicher Druck, selbst dann weiterzumachen, wenn eine ehrliche Bestandsaufnahme l?ngst etwas anderes nahelegt.
Mit meinem Buch m?chte ich dazu ermutigen, diese Bestandsaufnahme zuzulassen. Wir m?ssen trainieren aufzuh?ren, bevor wir etwas Neues beginnen. Denn unsere Zeit, unsere Aufmerksamkeit und unsere Energie sind begrenzt. Wer jede bisherige Verpflichtung mitnimmt, hat irgendwann keinen Raum mehr f?r eine bewusste Weiterentwicklung.
2. Warum f?llt es uns so schwer, einen Schlussstrich zu ziehen ? selbst dann, wenn wir l?ngst sp?ren, dass etwas nicht mehr funktioniert?
Dr. Johanna Dahm: Eine wichtige Rolle spielt die sogenannte Sunk Cost Fallacy, also der Denkfehler der versunkenen Kosten. Wir haben bereits Zeit, Geld oder Kraft investiert und empfinden einen Ausstieg deshalb als zus?tzlichen Verlust. Dann sagen wir uns: Jetzt habe ich schon so viel hineingesteckt, jetzt kann ich doch nicht aufh?ren.
F?r die Entscheidung ?ber die Zukunft ist aber entscheidend, was von heute an noch m?glich und sinnvoll ist. Vergangene Investitionen lassen sich durch blo?es Weitermachen nicht zur?ckholen. Trotzdem beeinflussen sie unser Urteil oft st?rker als die Frage, ob der n?chste Schritt noch einen Nutzen hat.
Hinzu kommt, dass wir uns mit unseren Entscheidungen identifizieren. Ein beruflicher Weg, ein Unternehmen oder ein langj?hriges Projekt wird Teil unseres Selbstbildes. Wenn wir daran etwas ver?ndern, f?hlt sich das schnell so an, als m?ssten wir unsere ganze bisherige Geschichte infrage stellen. Dabei darf etwas einmal richtig gewesen sein und heute trotzdem nicht mehr passen. Diese Unterscheidung nimmt viel Druck aus der Entscheidung.
3. Allerdings kann nicht jede schwierige Phase ein Anlass zum Aufh?ren sein. Wie unterscheiden wir eine vor?bergehende Krise von einem Weg, den wir tats?chlich verlassen sollten?
Dr. Johanna Dahm: Indem wir genauer hinsehen, statt nur auf die momentane Ersch?pfung oder die Angst vor Ver?nderung zu reagieren. Eine schwierige Phase sagt zun?chst einmal, dass etwas Aufmerksamkeit braucht. Sie beantwortet noch nicht die Frage, ob wir bleiben, etwas ver?ndern oder gehen sollten.
Hilfreich ist, sich zu fragen: W?rde ich mich unter den heutigen Bedingungen noch einmal daf?r entscheiden? Welche Perspektive sehe ich? Was m?sste sich konkret ver?ndern, damit mein Einsatz wieder sinnvoll ist? Und gibt es daf?r eine realistische Grundlage?
Dabei sollten wir auch die Kosten des Festhaltens betrachten. Wir sehen h?ufig sehr deutlich, was ein Ausstieg kosten w?rde. Weniger sichtbar bleibt, was uns das Weitermachen nimmt: Zeit f?r andere Aufgaben, Kraft, Konzentration oder die M?glichkeit, einen passenderen Weg einzuschlagen.
Bewusstes Aufh?ren braucht deshalb dieselbe Sorgfalt wie ein Neubeginn. Es geht um eine begr?ndete Entscheidung und darum, Verantwortung f?r ihre Folgen zu ?bernehmen. Dazu geh?rt auch, einen Abschluss ordentlich zu gestalten und bestehende Verpflichtungen zu ber?cksichtigen.
4. Sie haben selbst eine internationale Konzernkarriere hinter sich gelassen. Welche Bedeutung hatte diese Entscheidung f?r Ihren heutigen Blick auf das Thema?
Dr. Johanna Dahm: Meine Stationen bei Accenture und Novartis haben mich gepr?gt. Ich habe internationale Unternehmensstrukturen kennengelernt, F?hrungserfahrung gesammelt und erlebt, welche Anforderungen mit einer solchen Laufbahn verbunden sind. Diese Erfahrungen sind bis heute eine wichtige Grundlage meiner Arbeit.
2015 haben private Gr?nde und famili?re Priorit?ten dazu gef?hrt, dass ich meinen beruflichen Weg neu bewertet habe. Die Frage war, welche Form von Arbeit zu meiner damaligen Lebenssituation und meinen Priorit?ten passen w?rde. Daraus entstand die Entscheidung, die Konzernkarriere zu beenden und eine eigene Beratung aufzubauen.
F?r mich zeigt dieser Schritt, dass ein Ende die Bedeutung des Vorherigen nicht ausl?scht. Ich konnte meine Erfahrungen mitnehmen und in einem anderen Rahmen weiterentwickeln. Genau darin liegt eine gro?e Chance: Wir beginnen nach einer solchen Entscheidung nicht ohne Wissen, F?higkeiten oder Geschichte.
Meine wirtschaftsphilosophische Perspektive und meine pers?nliche Besch?ftigung mit dem Buddhismus pr?gen dabei meinen Blick auf Ver?nderung. Beides regt dazu an, das eigene Handeln zu hinterfragen und wahrzunehmen, woran wir festhalten ? und aus welchem Grund.
5. In Ihrem Buch kritisieren Sie eine Arbeits- und Leistungskultur, in der st?ndige Besch?ftigung als Erfolgsbeweis gilt. Warum ist ein voller Kalender f?r viele Menschen so wichtig geworden?
Dr. Johanna Dahm: Ein voller Kalender ist ein leicht sichtbares Signal. Er vermittelt: Ich werde gebraucht, ich trage Verantwortung, meine Zeit ist gefragt. Ob diese vielen Termine tats?chlich zu guten Ergebnissen f?hren, l?sst sich von au?en sehr viel schwerer beurteilen.
So kann sich eine Kultur entwickeln, in der Besch?ftigung immer weiter zunimmt, w?hrend die Zeit zum Nachdenken abnimmt. Wir nehmen neue Aufgaben hinzu, ohne bestehende Aufgaben ernsthaft zu ?berpr?fen. Irgendwann konkurriert alles gleichzeitig um unsere Aufmerksamkeit.
Das Prinzip ?Less is more? stellt hier eine anspruchsvolle Frage: Was tr?gt wirklich zum Ergebnis bei? Wer darauf eine ehrliche Antwort geben will, muss Priorit?ten setzen und auch etwas streichen k?nnen. Das gilt f?r den eigenen Alltag ebenso wie f?r Unternehmen.
F?hrungskr?fte haben dabei eine besondere Verantwortung. Wenn sie neue Vorhaben ansto?en, sollten sie zugleich kl?ren, welche bisherigen Aufgaben entfallen k?nnen. Sonst wird jede Ver?nderung zur zus?tzlichen Belastung. Gute F?hrung zeigt sich auch darin, Orientierung zu geben und begr?ndete Abschl?sse zu erm?glichen.
6. Ihre Arbeit f?hrt Sie inzwischen auch an Hochschulen und in Schulen. Was sollten junge Menschen ?ber Entscheidungen und das Aufh?ren lernen?
Dr. Johanna Dahm: Dass eine Entscheidung ?berpr?fbar bleiben darf. Junge Menschen sollen fr?h wissen, welchen Beruf sie ergreifen und wie ihr Lebensweg aussehen soll. Gleichzeitig sammeln sie erst die Erfahrungen, die sie f?r solche Entscheidungen brauchen.
Deshalb ist eine gesunde Fehlerkultur so wichtig. Wenn jede Korrektur als pers?nliches Versagen gilt, wird es schwer, offen ?ber Zweifel zu sprechen. Dann besteht die Gefahr, dass jemand aus Angst vor der Reaktion anderer an einem Weg festh?lt, der nicht mehr passt.
Wir sollten vermitteln, wie man eine Entscheidung begr?ndet, neue Informationen ber?cksichtigt und Verantwortung ?bernimmt, wenn sich eine Einsch?tzung ver?ndert. Dazu geh?rt Ausdauer. Dazu geh?rt aber ebenso die F?higkeit, einen Irrweg zu erkennen.
In meinem Podcast ?Johanna, eine Frage…? greife ich solche Fragen aus unterschiedlichen Lebensbereichen auf. Ob jemand am Anfang des Berufslebens steht oder seit Jahren ein Unternehmen f?hrt: H?ufig geht es darum, die eigenen Handlungsm?glichkeiten wieder klarer zu sehen. Der Austausch zeigt mir, wie viele Menschen sich eine fundierte Orientierung w?nschen, die sich auf ihren tats?chlichen Alltag ?bertragen l?sst.
7. Ihr Buch erscheint nun auf Englisch. Was m?chten Sie mit der internationalen Ausgabe erreichen ? und warum verbinden Sie den Start mit einer Gratis-Aktion und einer Spende?
Dr. Johanna Dahm: Das Thema betrifft Menschen weit ?ber den deutschsprachigen Raum hinaus. Berufliche Ver?nderungen, ?berholte Verpflichtungen und die Frage nach einem sinnvollen Umgang mit der eigenen Zeit begegnen uns in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen. Mit der englischen Ausgabe m?chte ich diese Auseinandersetzung einem gr??eren Leserkreis zug?nglich machen.
Nach der aktuellen Ver?ffentlichungsplanung erscheint das Buch am 18. November 2026 weltweit als E-Book und Audiobook. Vom 18. bis einschlie?lich 22. November soll das E-Book kostenlos erh?ltlich sein. Mir ist wichtig, dass m?glichst viele Menschen die Gelegenheit bekommen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Die anschlie?enden Einnahmen sollen zu 100 Prozent an The Ocean Cleanup gehen. Damit m?chte ich die Ver?ffentlichung mit einem konkreten Beitrag zum Umweltschutz verbinden. Das Buch besch?ftigt sich mit der Frage, wie wir bewusster handeln und Verantwortung f?r unsere Entscheidungen ?bernehmen. Dieser Gedanke soll auch bei der Ver?ffentlichung eine praktische Bedeutung haben.
8. Wenn Ihre Leserinnen und Leser nur einen Gedanken aus dem Buch mitnehmen: Welcher sollte das sein?
Dr. Johanna Dahm: Dass sie eine fr?here Entscheidung nicht f?r immer fortsetzen m?ssen, nur weil sie einmal richtig erschien. Lebensumst?nde ver?ndern sich. Wir gewinnen Erfahrungen, erkennen Grenzen und entwickeln andere Priorit?ten. Darauf zu reagieren, geh?rt zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem eigenen Leben.
Ich w?nsche mir, dass Menschen ihre Verpflichtungen bewusster betrachten. Was ist mir heute wichtig? Wof?r m?chte ich meine Kraft einsetzen? Und was f?hre ich haupts?chlich weiter, weil ich mich vor dem Ende f?rchte?
Nicht jede Antwort wird sofort zu einer gro?en Ver?nderung f?hren. Manchmal beginnt es damit, eine Aufgabe abzugeben, ein ?berholtes Projekt zu beenden oder eine Erwartung offen anzusprechen. Solche Schritte k?nnen bereits viel bewirken.
Aufh?ren braucht Mut, weil wir die Folgen eines Neubeginns noch nicht vollst?ndig kennen. Aber auch das Festhalten hat Folgen. Wenn wir beides ehrlich abw?gen, gewinnen wir die Freiheit zur?ck, unseren n?chsten Schritt bewusst zu w?hlen.
Zur Person
Dr. Johanna Dahm ist Entscheidungsexpertin, promovierte Wirtschaftsphilosophin, Unternehmensberaterin, Keynote-Speakerin und Autorin. Nach beruflichen Stationen bei Accenture und Novartis gr?ndete sie 2015 ihre eigene Beratung in Frankfurt am Main. Sie begleitet Unternehmen, Institutionen und F?hrungskr?fte bei Entscheidungs- und Ver?nderungsprozessen. In ihrem Podcast ?Johanna, eine Frage…? besch?ftigt sie sich mit Fragen rund um Lebens- und Karriereentscheidungen.
Das Buch: Aufh?ren als bewusste Entscheidung
In ?Aufh?ren: Die schwerste Entscheidung ?berhaupt? untersucht Dr. Johanna Dahm, warum Menschen an Projekten, beruflichen Wegen und Gewohnheiten festhalten, obwohl diese l?ngst nicht mehr zu ihnen passen. Die Entscheidungsexpertin verbindet psychologische Hintergr?nde mit pers?nlichen Erfahrungen und Impulsen f?r einen bewussten Neuanfang.
Nach Angaben der Autorin erscheint die englischsprachige Ausgabe unter dem Titel ?Calling It Quits: The Hardest Decision You Have Ever Made? am 18. November 2026 als E-Book und Audiobook. Zum Start soll das E-Book vom 18. bis einschlie?lich 22. November kostenlos erh?ltlich sein. Die anschlie?enden Einnahmen sollen vollst?ndig an die Umweltschutzorganisation The Ocean Cleanup gehen.
Weitere Informationen zu Dr. Johanna Dahm, ihren B?chern und ihrem Podcast: www.drjohannadahm.com
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