Führungskräfte müssen nicht alles wissen – aber Orientierung geben

Gute F?hrung schafft Orientierung statt Perfektion

K?nstliche Intelligenz, Digitalisierung und permanente Ver?nderungen stellen ein traditionelles F?hrungsverst?ndnis infrage. F?hrungskr?fte k?nnen heute nicht mehr auf alles eine Antwort haben. Das m?ssen sie auch nicht. Vielmehr ist entscheidend, ob sie auch unter Unsicherheit Richtung geben, Priorit?ten setzen und Vertrauen schaffen. Management- und Generationenexperte Ralf Overbeck pl?diert deshalb f?r einen Perspektivwechsel: weg vom Anspruch, als F?hrungskraft alles wissen zu m?ssen, hin zu einer F?hrung, die Menschen Orientierung gibt und handlungsf?hig macht.

Wer alles wissen will, verliert den Blick f?r die eigentliche F?hrungsaufgabe.

Lange Zeit galt in vielen Unternehmen: ?Wer f?hrt, muss mehr wissen als seine Mitarbeitenden.? Fachwissen, Erfahrung und Entscheidungssicherheit waren wichtige Voraussetzungen f?r den Aufstieg in F?hrungspositionen. Unsicherheit zu zeigen, wurde dagegen schnell als Schw?che ausgelegt.

Dieses F?hrungsverst?ndnis st??t heute jedoch an seine Grenzen. K?nstliche Intelligenz ver?ndert T?tigkeiten und Prozesse in einem Tempo, das selbst Fachleute kaum vollst?ndig ?berblicken k?nnen. Die Digitalisierung schafft neue M?glichkeiten, aber auch neue Unsicherheiten. Gesch?ftsmodelle ver?ndern sich, es fehlen Fachkr?fte und die verschiedenen Generationen bringen unterschiedliche Erfahrungen und Erwartungen in die Unternehmen ein.
Unter diesen Bedingungen kann keine F?hrungskraft alle Entwicklungen kennen und auf jede Frage sofort die richtige Antwort haben. Wer es dennoch versucht, setzt sich nicht nur selbst unn?tig unter Druck. Er vermittelt auch seinen Mitarbeitenden ein falsches Verst?ndnis von F?hrung.

Ralf Overbeck sieht die entscheidende F?hrungsleistung deshalb an anderer Stelle: ?Eine F?hrungskraft muss heute nicht alles wissen. Sie muss aber wissen, was wichtig ist, Entscheidungen treffen und ihren Mitarbeitenden vermitteln k?nnen, in welche Richtung es geht. Nichtwissen ist keine F?hrungsschw?che. Orientierungslosigkeit hingegen schon.?
Das ver?ndert die Rolle von F?hrung grundlegend. F?hrungskr?fte m?ssen nicht mehr beweisen, dass sie die kl?gste Person im Raum sind. Vielmehr m?ssen sie daf?r sorgen, dass vorhandenes Wissen genutzt, unterschiedliche Sichtweisen geh?rt und Entscheidungen getroffen werden.

Gerade beim Einsatz K?nstlicher Intelligenz zeigt sich das sehr deutlich. Eine F?hrungskraft muss nicht jede Anwendung selbst beherrschen. Sie sollte jedoch erkl?ren k?nnen, warum KI eingesetzt wird, welche Ver?nderungen damit einhergehen und welche Erwartungen damit verbunden sind. Wo Antworten noch fehlen, muss sie das offen sagen k?nnen.
Denn Glaubw?rdigkeit entsteht nicht dadurch, dass eine F?hrungskraft Sicherheit vorspielt. Sie entsteht, wenn Mitarbeitende erleben: ?Auch wenn noch nicht alles gekl?rt ist, gibt es einen nachvollziehbaren Weg.?

Mitarbeitende brauchen Klarheit ? keinen perfekten Chef.

In Ver?nderungsprozessen sprechen Unternehmen meist ?ber Strategien, Technologien und Prozesse. Die Mitarbeitenden besch?ftigen jedoch h?ufig viel konkretere Fragen: Was bedeutet die Ver?nderung f?r meine Arbeit? Was bleibt bestehen? Was wird k?nftig von mir erwartet? Welche Aufgaben haben Priorit?t? Worauf kann ich mich verlassen?

Wer diese Fragen unbeantwortet l?sst, darf sich ?ber Unsicherheit, Zur?ckhaltung oder Widerstand nicht wundern.
Dabei bedeutet Orientierung nicht, eine Zukunft vorzugeben, die niemand exakt vorhersagen kann. Vielmehr bedeutet sie, einen verl?sslichen Rahmen f?r das gemeinsame Handeln zu schaffen. Dazu geh?ren klare Priorit?ten, nachvollziehbare Entscheidungen, verst?ndliche Kommunikation und die Bereitschaft, auch offene Fragen offen zu benennen.

Menschen erwarten von ihrer F?hrungskraft keine Glaskugel. Sie wollen wissen, woran sie sind. Gute F?hrung schafft deshalb keine k?nstliche Sicherheit, sondern Klarheit im Umgang mit Unsicherheit?, sagt Overbeck.
Diese Klarheit entsteht nicht durch eine einmalige Ansprache, ein Leitbild oder die n?chste Pr?sentation. Sie entsteht im t?glichen F?hrungsverhalten, beispielsweise durch regelm??ige Gespr?che, nachvollziehbare Entscheidungen, verbindliche Absprachen und ehrliches Zuh?ren.

Das gilt besonders f?r altersgemischte Teams. Wenn sich Arbeitsweisen und Technologien ver?ndern, treffen unterschiedliche Erfahrungen aufeinander. Langj?hrig Besch?ftigte kennen Prozesse, Kunden und Risiken und verf?gen h?ufig ?ber wertvolles Erfahrungswissen. J?ngere Mitarbeitende bringen neue Perspektiven, aktuelles Fachwissen und oftmals einen selbstverst?ndlicheren Umgang mit digitalen Technologien ein.

F?hrung sollte daraus keinen Wettbewerb zwischen den Generationen machen. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, die unterschiedlichen St?rken zusammenzuf?hren.
Genau darin sieht Overbeck einen entscheidenden Erfolgsfaktor: ?Die Frage darf nicht lauten: Wer ist besser auf die Zukunft vorbereitet ? Alt oder Jung? Unternehmen brauchen beides: Erfahrung und neues Wissen. Deshalb gilt f?r ihn heute mehr denn je: Alt + Jung = Erfolg!?
Das setzt allerdings voraus, dass F?hrungskr?fte die Zusammenarbeit tats?chlich organisieren. Wissenstransfer, gegenseitige Wertsch?tzung und gemeinsames Lernen entstehen nicht automatisch dadurch, dass unterschiedliche Generationen im selben Unternehmen arbeiten.

Orientierung entsteht durch Haltung, Kommunikation und Vertrauen.

Unternehmen reagieren auf neue Herausforderungen gerne mit neuen Methoden, Tools und Managementkonzepten. Vieles davon ist sinnvoll. Doch kein F?hrungsinstrument kann die pers?nliche F?hrungsleistung ersetzen.
Mitarbeitende erleben F?hrung im Alltag. Sie merken, ob ihre F?hrungskraft ihnen zuh?rt, Entscheidungen trifft und Verantwortung ?bernimmt. Sie merken, ob Zusagen gelten, ob Fehler angesprochen werden d?rfen und ob Ver?nderungen verst?ndlich erkl?rt werden. Und sie merken sehr schnell, ob Wertsch?tzung nur im Leitbild steht oder tats?chlich gelebt wird.

Gerade in Zeiten permanenter Ver?nderung wird Verl?sslichkeit deshalb immer wichtiger. Verl?sslichkeit bedeutet jedoch nicht, dass eine einmal getroffene Entscheidung niemals ver?ndert werden darf. Wenn sich die Rahmenbedingungen ?ndern, m?ssen auch Entscheidungen ?berpr?ft werden. Entscheidend ist, wie F?hrungskr?fte damit umgehen.

?Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass eine F?hrungskraft immer recht hat. Vertrauen entsteht, wenn sie klar, nachvollziehbar und verl?sslich handelt ? und auch sagen kann: Das haben wir anders eingesch?tzt, deshalb entscheiden wir heute neu?, stellt Overbeck fest.
F?r eine solche Haltung sind F?hrungskr?fte gefragt, die nicht an ihrem eigenen Perfektionsanspruch festhalten. Sie m?ssen Fragen stellen k?nnen, anderen zuh?ren und bereit sein, ihre Einsch?tzung zu ?ndern. Gleichzeitig d?rfen sie sich nicht hinter ihrer Unsicherheit verstecken. Am Ende bleibt F?hrung immer mit Verantwortung verbunden.

Das wird durch k?nstliche Intelligenz nicht ?berfl?ssig. Im Gegenteil. KI kann Informationen schneller aufbereiten, Zusammenh?nge analysieren, Vorschl?ge entwickeln und Entscheidungen vorbereiten. Dadurch k?nnen F?hrungskr?fte einen erheblichen Wissensvorsprung erzielen. Doch sie nimmt ihnen nicht die Verantwortung f?r Menschen und Entscheidungen ab.

Overbeck bringt diese neue Arbeitsteilung auf eine einfache Formel: ?KI kann Wissen liefern und Entscheidungen vorbereiten. Aber sie ?bernimmt keine F?hrungsverantwortung. Menschen brauchen auch in einer digitalen Arbeitswelt Menschen, die zuh?ren, Entscheidungen treffen, Verantwortung ?bernehmen und Orientierung geben.?

Dies hat praktische Konsequenzen f?r Unternehmen. Die F?hrungskr?fteentwicklung sollte sich nicht darauf beschr?nken, immer neue Methoden und Instrumente zu vermitteln. Vielmehr m?ssen F?hrungskr?fte lernen, mit Unsicherheit umzugehen, klar zu kommunizieren, unterschiedliche Kompetenzen zusammenzuf?hren, Entscheidungen zu treffen und Vertrauen aufzubauen.
Denn k?nftig wird die Qualit?t von F?hrung immer weniger daran gemessen werden, ob eine F?hrungskraft auf jede Frage sofort eine Antwort kennt.

Entscheidender sind drei andere Fragen:

– Wissen die Mitarbeitenden, wohin das Unternehmen will?
– Wissen sie, welchen Beitrag sie dazu leisten sollen?
– Und vertrauen sie ihrer F?hrungskraft auch dann, wenn der Weg noch nicht in allen Einzelheiten feststeht?

Gute F?hrung braucht keine Perfektion. Sie braucht aber Richtung, Klarheit und Vertrauen, res?miert Overbeck.

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